Die 5 häufigsten Mythen zur Scheinselbstständigkeit

Leider Expertin! Seit 2009 gehört das Thema Scheinselbstständigkeit zu meinem Lebensalltag. Und noch immer lerne ich dazu. Was überrascht ist die Tatsache, dass es noch immer nur wenige Selbstständige und Auftraggeber gibt, die verstehen was Scheinselbstständigkeit bedeutet und wie sie vermieden werden kann. In der Folge ergreifen Auftraggeber und Endkunden Maßnahmen, die unwirksam sind, um sich vor den Folgen von Scheinselbstständigkeit zu schützen.

Scheinselbstständigkeit

Scheinselbstständigkeit wird von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) festgestellt. Sie setzt voraus, dass der Auftragnehmer in die Organisation des Kunden integriert ist und Weisungen erhält. Weit verbreitet sind noch immer die Kriterien, die bereits seit 2003 nicht mehr existieren. Seitdem spielen weder die Anzahl der Auftraggeber, der Geschäftsauftritt des Selbstständigen oder der Anteil am Gesamtumsatz eine Rolle. Stattdessen wird das einzelne Auftragsverhältnis untersucht, ob es die genannten Kriterien erfüllt. Wird Scheinselbstständigkeit festgestellt, muss der Vertragspartner des Selbstständigen die Sozialversicherungsbeiträge für den Auftrag abführen. Die gesetzliche Grundlage liefert das Sozialgesetzbuch.  Dass von Scheinselbstständigkeit eine Gefahr ausgeht, darüber sind sich Viele bereits bewusst. Wie man dieser Gefahr entgeht, darüber herrschen wilde Gerüchte und es werden häufig ungeeignete Maßnahmen ergriffen. Maßnahmen, die dazu führen, dass wichtiges Wissen verloren geht, die Kommunikation erschwert wird oder sogar gänzlich auf Selbstständige verzichtet wird.  Das ist genauso schade, wie unnötig. Denn es gibt einen sehr sinnvollen Lösungsansatz: Der DRV keine Argumente liefern, damit diese Scheinselbstständigkeit feststellen kann. So wirksam, wie einfach. Zwar bleibt dann noch immer die Rechtsunsicherheit bestehen, aber je weniger Argumente die DRV findet, desto besser.

Räumen wir an dieser Stelle also erst einmal mit den 5 häufigsten Mythen auf, die sich beim Thema Scheinselbstständigkeit hartnäckig halten.

Scheinselbstständigkeit lässt sich durch Verträge regeln

Wer glaubt, er muss einfach nur Werkvertrag über den Vertrag schreiben oder festschreiben, dass man kein Arbeitsverhältnis anstrebt, um der DRV ein Schnäppchen zu schlagen, liegt falsch. Und so finden wir stattdessen viele Regelungen und Formulierungen, die eindeutig als Weisung angesehen werden und der DRV sogar Argumente liefern, um von Scheinselbstständigkeit auszugehen. Da wird festgeschrieben, wie die Zeitnachweise zu führen sind, bis wann die Rechnung zu stellen ist und, dass keine Hilfskräfte, also Dritte, ohne Genehmigung eingesetzt werden dürfen. Scheinselbstständigkeit ist im Sozialgesetzbuch geregelt und lässt sich nicht so ohne weiteres weg-regeln.

Fazit: Scheinselbstständigkeit lässt sich vertraglich nicht ausschließen. Allerdings liefern viele Verträge Argumente, die Scheinselbstständigkeit stützen.

Die Auftragsdauer spielt eine Rolle

Nach 18 Monaten ist Schluss. Dann darf der Selbstständige für mindestens 3 Monate nicht beauftragt werden.  Diese Regelung entspringt den Regelungen der Arbeitnehmerüberlassungen und hat keinen Zusammenhang zu Kriterien, die Scheinselbstständigkeit begründen können. Andere Unternehmen begrenzen das Auftragsvolumen auf 50 Personentage und danach wird die Zusammenarbeit beendet. Wieder andere Unternehmen beauftragen die Selbstständigen nur noch zu 50 oder 60 Prozent.

Fazit: Weder Dauer noch Intensität sind Kriterien, mit denen die DRV Scheinselbstständigkeit begründet. Der extremste Fall, den ich kenne und bei dem Scheinselbstständigkeit festgestellt wurde, hatte ein Volumen von 5 Personentagen.

Mehrere Auftraggeber schützen vor Scheinselbstständigkeit

Ein beliebtes Argument, das von Auftragnehmern genauso gerne wie von Selbstständigen angeführt wird: „Klar, da muss man sich nicht wundern. Wenn man nur einen Auftraggeber hat, dass man dann als scheinselbstständig gilt.“ Eine Bewertung, die jedoch bereits seit 2003, mit dem Wegfall des Kriterienkataloges, nicht mehr gilt. Leider hält sich dieses Wissen hartnäckig. Was denjenigen, die solche Aussagen treffen jedoch nicht bekannt zu sein scheint, ist die Tatsache, dass die DRV nicht mehr den Selbstständigen in ihrer Gesamtheit betrachtet. Stattdessen wird das einzelne Auftragsverhältnis unter die Lupe genommen und auf Scheinselbstständigkeit überprüft. Damit hat sich die Ausgangssituation verändert. Ein Selbstständiger kann gleichzeitig selbstständig und scheinselbstständig sein.

Fazit: Auch wenn es sich für jeden Selbstständigen empfiehlt, mehrere Auftraggeber zu haben, so bietet diese Tatsache keinen Schutz vor Scheinselbstständigkeit.

Arbeitnehmerüberlassung ist eine Lösung

Die ersten Unternehmen beginnen damit, auf Selbstständige zu verzichten und stattdessen versuchen sie, die Aufgaben von Zeitarbeitern erledigen zu lassen. Sicherlich gibt es Positionen, die eine Weisungsgebundenheit sowie eine Integration in das Kundenunternehmer erforderlich machen, die nur in der Arbeitnehmerüberlassung besetzt werden können. Doch bei allen anderen Positionen ist diese Alternative weder empfehlenswert noch werden sich genügend Kandidaten finden, die dafür zur Verfügung stehen. Für den Auftraggeber ist Arbeitnehmerüberlassung teurer. Ausgehend von dem Gehalt, das dem Zeitarbeiter bezahlt wird, muss der Auftragnehmer das Doppelte rechnen, das er dafür berappen muss. Gleichzeitig ist der administrative Aufwand erheblich, die Zusammenarbeit ist auf 18 Monate begrenzt und nach 9 Monaten tritt die Equal-Pay-Regelung in Kraft. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass vielleicht sogar die Festangestellten des Auftraggebers (des Entleihers) dieses Recht für sich in Anspruch nehmen. Und warum sollten, hochqualifiziert und gut verdienende Selbstständige in die Zeitarbeit wechseln?

Fazit: Vermittlungsagenturen preisen Arbeitnehmerüberlassung als Lösung an. Dieses Modell ist jedoch ungeeignet, um hochqualifizierte Wissensarbeiter zu bezahlbaren Konditionen und der erforderlichen Flexibilität verfügbar zu haben.

Das Zahlen freiwilliger Rentenversicherungsbeiträge schützt

Ein schöner Gedanke: Sich freizukaufen. Der Selbstständige zahlt freiwillige Beiträge in die Rentenkasse und wird damit für die DRV uninteressant. Denn sie hat schon, was sie will. Doch leider funktioniert unser System so nicht. Zwar wird Scheinselbstständigkeit von der DRV festgestellt und ggf. durch das Sozialgericht bestätigt. Allerdings wird damit Sozialversicherungspflicht für das Auftragsverhältnis festgestellt. Und diese umfasst neben der Rentenversicherung, auch die Krankenkasse, die Pflegeversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Gleichzeitig ist der Auftraggeber für das Abführen dieser Beiträge verantwortlich. Im Zweifelsfalle werden Beiträge sogar doppelt gezahlt.

Fazit: Diese Option des Freikaufens gibt es nicht. Ob eine Rentenversicherungspflicht für Selbstständige das Thema Scheinselbstständigkeit dauerhaft lösen wird, ist anzuzweifeln.

Falschinformationen, wie die oben aufgeführten Mythen führen dazu, dass Maßnahmen ergriffen werden, die unwirksam sind. Flächendeckend wird zu spät und dann meist falsch reagiert. Mitarbeiter, die mit Externen zusammenarbeiten sind nicht informiert. Und so schleifen sich nach und nach Arbeitsroutinen ein, die geeignet sind, dass Scheinselbstständigkeit durch die DRV festgestellt wird.

Schade, dass aufgrund dieses Wissensdefizites, Chancen vergeben werden, mit denen Scheinselbstständigkeit vermieden werden kann. Dass das bei vielen Auftragsverhältnissen, insbesondere in der IT, dringend erforderlich ist, ist für mich unumstritten. Kunden und Selbstständige sollten die richtigen Entscheidungen treffen. Dann werden sie auch wieder Freude an der Zusammenarbeit habe und können diese sinnvoll und zielführend gestalten.

Alina Bergmann

Alina Bergmann

Alina ist Marketing Manager bei freelance.de - als Tochter von zwei Freelancern und mit einem Bachelor in Kommunikationsmanagement widmet sie sich den Themen der Selbstständigen in Blog Posts, Tweets und auf der Website.

3 Kommentare:

  1. Avatar
    Steffen Schwarz

    So lange Auftraggeber 100% vor Ort fordern und gewünscht wird das man in der Arbeitsorganisation integriert wird, und ich kenne persönlich in meiner 30jährigen IT Geschichte nur solche Fälle wird es so wohl weitergehen, ich habe sonst ja keine Möglichkeit an Aufträge zu kommen, kein Auftraggeber wird einen Testmanager beschäftigen der behauptet er kann ein fertig getestetes System zur vereinbarten Zeit abliefern. Wie soll das gehen wenn die Hard- und Software nicht zur Verfügung steht, die getestet werden soll, das ist nur vor Ort im Team durchführbar.

  2. Avatar
    Andreas Badelt

    Die Systemlandschaft darf eigentlich kein Argument mehr sein. In Firmen, die Schritt gehalten haben mit heutigen Anforderungen, sind Testumgebungen u.ä. gleich in der Cloud, oder zumindest remote verfügbar (von wenigen Spezialfällen abgesehen). Ich arbeite daher als SW-Architekt / -Entwickler bis auf gelegentliche Meetings ausschließlich remote – bei großen Konzernen. Das Hauptproblem ist eher die menschliche Kommunikation. Wenn ich mich ständig mit einem großen Team austauschen muss, ist das selbst mit WebEx, Slack, Wiki & Co. immer noch eine Herausforderung. Teile & herrsche wäre hier auch organisatorisch die übliche Lösung. Ich vermute, dass hier angestaubtes Organisations- / Projektmanagement und fehlendes Vertrauen die größten Hürden sind.

  3. Das ist wirklich interessant und gut aufgearbeitet. Aber: Wie vermeidet man denn nun Scheinselbständigkeit? Hier steht nur wie man sie nicht vermeidet. Der eigentliche Clou fehlt.

    Eine Methode ist z.B. tatsächlich ein “Gewerk” zu vereinbaren, das dann genau spezifiziert wird, entsprechend umgesetzt (ohne ständige Weisung) und zum vereinbarten Termin geliefert. Für einige machbar, für andere nicht.

    Eine weitere Option ist, selbst Angestellte zu haben. Meines Wissens nach genügt ein Angestellter über 450 € / Monat um als echter Selbständiger mit eigenem Betriebsrisiko zu gelten.

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