SBV – Mehr als eine rechtliche Vertretung von Schwerbehinderten

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Schwerbehindertenvertretung (SBV) als reines Anhängsel des Betriebsrates angesehen wurde. Das grundlegende Wissen, was eine SBV überhaupt macht, wie sie sich aufstellt, welche Rechte und Pflichten sie hat, alles das war für die meisten Arbeitgeber, aber auch für die Betriebsräte – ja, selbst für die Schwerbehinderten respektive deren Vertretungen – mehr oder weniger Neuland. Die Einschätzung, dass es sich um ganz praktische Sozialarbeit im Betrieb handelt war unter allen beteiligten Parteien so noch nicht präsent.

Die ganzheitliche Betreuung – ohne Abgrenzung zum Betriebsrat – hat sich erst mit der neuerlichen Problemauseinandersetzung mit der Integration beziehungsweise Inklusion herauskristallisiert. Die Arbeit der Schwerbehindertenvertreter ist leichter geworden. Auch, weil Ihr Stellenwert ein anderer gegenüber früher ist. Wobei immer noch festzuhalten bleibt, dass eine sozial vollends eingebettete Schwerbehindertenarbeit immer noch Zukunftsmusik ist. Wenn es stimmt, dass der Weg das Ziel ist, dann trifft dieser Rückschluss auch auf den langen Weg der betrieblichen Eingliederung kranker und behinderter Menschen zu. Aber was muss vor Ort und in der alltäglichen Praxis getan werden, um den langsam in Gang gesetzten Sinneswandel der Arbeitgeber – wenn auch erst nach Drängen des Gesetzgebers in Form einer Verpflichtung zur Einführung eines betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) – noch mehr mit Leben zu erfüllen?

Integration

Das Bündel der Arbeitplatz- und Beschäftigungserhaltenden Maßnahmen für behinderte Menschen setzt sich aus den Schwerpunktthemen Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitszeitregelungen und Arbeitsumfeldgestaltung, sowie Personalplanung und Arbeitsorganisation zusammen. Im Gegensatz zu früheren Jahren, als es noch an der Tagesordnung war, bei Problemen am Stammarbeitsplatz, mit einer Versetzung zu reagieren, birgt der Wettbewerb in der Globalisierung die Tatsache, dass geeignete Arbeitsplätze – sozusagen zur leidensgerechten ’Entsorgung’ – nicht mehr vorhanden sind. Schaut man sich das Thema in seiner Komplexität an, wird schnell klar, dass die veränderten Sozialstrukturen – verbrieft im Sozialgesetzbuch IX und forciert durch die Aufklärungsarbeit der Agentur für Arbeit, der Krankenkassen, der Deutschen Rentenversicherung, des Integrationsamtes, sowie den betrieblichen Handlungsträgern – innerhalb, aber auch außerhalb der Schwerbehindertenvertretung, nicht nur diese kleine ’Randgruppe’ betrifft, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und selbstredend auch die Geschäftsführungen und Arbeitgeber. Resultierend daraus werden auch Mitarbeiter mit gesundheitlichen Problemen und hohen Fehlzeiten entsprechend ihrer Fähigkeiten sozialverträglich neu eingegliedert. Die Basis einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ist durch die Installierung eines Eingliederungs- oder Disabilitymanagers der sich genau um diese Belange kümmert, zusehends größer geworden. Mit ihr wuchsen auch die Anforderungen der Schwerbehindertenvertretung. Die wichtigsten seien in Stichpunkten erwähnt:

• Ganzheitliche Betreuung aller Beschäftigungsgruppen bei psychischen Erkrankungen
• Unterstützung bei schwierigen Krankenrückkehrgesprächen
• Einbindung externer Helfergruppen wie die der Deutschen Rentenversicherung respektive des Integrationsamtes
• Sensibilisierung für Konflikte am Arbeitsplatz
• Sensibilisierung für Konflikte aus dem privaten Bereich
• Stärkung der mentalen Belastbarkeit bei der Schwerbehindertenvertretung

Der Wandel der Zeit hat auch zwangsläufig dazu geführt, dass Betriebsrat und SBV näher zusammengerückt sind. Man ist Partner auf Augenhöhe. Das bedeutet aber auch, dass eine gut aufgestellte SBV in den Segmenten Prävention, Rehabilitation und Integration auch fachlich die Augenhöhe rechtfertigen muss. Dazu bedarf es auch die Pflege interner und externer Netzwerke sowie die Fähigkeit, auch beratend – und das in allen sozialen Angelegenheiten – qualifiziert zu sein.

Ausblick in die Zukunft

Wer in die Zukunft schauen will, wird immer auch seine eigenen Wünsche und Hoffnungen ins Blickfeld mit einfließen lassen. Das ist bei dem Ausblick auf die betriebliche Praxis einer Schwerbehindertenvertretung sicherlich nicht anders. Der größte Wunsch aller Beteiligten dürfte eine Reform des Sozialgesetzbuches IX sein. Möge der ewige Beisatz ’Gesetz des guten Willens’ mit noch mehr ’Lust auf Umsetzung’ ersetzt werden. Das betrifft die Ausweitung der Beteiligungsrechte generell, die gesetzliche Festlegung von Sanktionsmaßnahmen bei unrechtmäßiger Versetzung schwerbehinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Einbindung von Stellvertretern und die Verbesserung von Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Brücken schlagende Wahrnehmung der vielseitigen und verantwortungsvollen Arbeit einer Schwerbehindertenvertretung hat zu einer immer größer werdenden inner- und außerbetriebliche Helfergruppe geführt. Dennoch ist auch hier die Politik gefragt. Sie muss den Mut aufbringen die gesetzlichen Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass sozial gelebte Integration und Inklusion in sich stimmig sind. Das heißt: Altbewährtes mit dem veränderten Arbeitsprofil durch die Globalisierung miteinander zu verbinden. Schwerbehindertenvertretungen sind kein Anhängsel von irgendwem oder irgendwas. Sie tragen eigenständig höchste Verantwortung und fordern zu Recht, mit der gleichen Wichtigkeit angesehen und unterstützt zu werden. – Wenn der Satz gelten soll: Alle Menschen sind gleich!

Bildquelle: commons.wikimedia.org © http://wowvectors.com/illustration/business-vector-presentation/ (CC BY-SA 3.0)
Dagmar Heinze

Dagmar Heinze

Ist seit dem 1. Juni 2012 bei freelance.de für das Online Marketing zuständig. "Ich freue mich bei diesem schnellwachsenden Unternehmen mitwirken zu können!"

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