Erfahrungen machen, Unsicherheiten überwinden: Familien im Abenteuer Freiberuflichkeit

Themenwoche: Freelancer und Kinderbetreuung

Viele Eltern, meist Mütter, können nach der Elternzeit nicht mehr in ihren alten Job zurück. Andere Eltern entscheiden sich bewusst für einen neuen Lebensstil und starten in das Abenteuer Freiberuflichkeit mit Kind an Bord und dank Unterstützung des Partners. Viele Fragen, die am Anfang entstehen, klären sich schnell, andere bleiben, neue kommen hinzu: Wie kann ich für Kunden vorausplanen, wenn zu Hause gar nichts mehr planbar erscheint? Wie organisiere ich die Kinderbetreuung, wenn ich außerhalb der Kita-Öffnungszeiten einen Termin habe? Und wo bleibt noch Zeit für mich selbst?

Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass für einen Teil unserer Mitglieder das Thema Kinder eine zentrale Rolle spielte, als sie sich für die Freiberuflichkeit entschieden: Während ein Drittel der Väter angab, sich auch aus dem Grund der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Selbstständigkeit entschieden zu haben, waren es bei den Müttern sogar 80% der Teilnehmerinnen an der Umfrage. Die Mütter tun sich dann auch leichter beim Organisieren des Alltags: 65% unter ihnen profitieren überwiegend von den flexibleren Arbeitszeiten, 35% sehen Vor- und Nachteile im Gleichgewicht. Keiner einzigen der teilnehmenden Mütter tut sich dank
der ungeregelten Arbeitszeiten schwerer, den Alltag zu organisieren. Das sieht bei den Männern anders aus: Sogar ein Viertel unserer Teilnehmer meint, ihre Arbeitszeiten als Freelancer würden es tendenziell schwieriger machen, die Kinder zu betreuen. Und nur 37% der Väter geben an, von den flexibleren Arbeitszeiten im Hinblick auf ihre Kinder überwiegend zu profitieren.

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Reibungslos läuft es in keiner Familie. Gespräche mit Freelancern zeigen, dass die Organisation des Alltags Erfahrung und Gelassenheit erfordert. Susanne Glück aus Heidelberg arbeitet als freiberufliche Übersetzerin am Vormittag, während die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind. In der Theorie. Tatsächlich ist sie meist bis ein Uhr nachts wach, weil sie erst spät die nötige Ruhe hat, um sich auf lange Texte zu konzentrieren. Rückblickend auf die Zeit mit Kleinkindern meint sie: „Es war toll, viel Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können, als sie sehr klein waren. Ich habe meistens abends gearbeitet oder tagsüber, als (falls!) sie geschlafen haben. Es war aber auch stressig, weil meine Arbeitszeit entsprechend begrenzt war, es ging meistens auf Kosten des Schlafs.“ Nach einigen Jahren Routine würde sie ihre freiberufliche Tätigkeit nicht mehr aufgeben: „Heute noch empfinde ich es als positiv, dass ich meistens keine komplizierte Kinderbetreuung organisieren muss.“

Für die Designerin und Inhaberin des Bilderbüros Gudrun Wegener spielte Unsicherheit nur am Anfang eine große Rolle: „Wann muss ich für Kunden erreichbar sein und was ist, wenn genau dann mein Kind weint und ich nicht ans Telefon gehen kann?“ Nach der Geburt des zweiten Kindes hatte sich vieles eingespielt und sie konnte das Thema viel gelassener und selbstbewusster angehen. Für sie hat es sich als enorm hilfreich erwiesen, Ruhe und Struktur in den Arbeitstag zu bringen: „Anstelle eines klassischen Neun-StundenTags arbeite ich während der Betreuungszeiten bis zum frühen Nachmittag und dann wieder am späten Abend. Das schafft Freiräume für die Familie, Ausflüge, Arztbesuche oder schöne Nachmittage im sonnigen Garten.“ Lena Willis, Tanzpädagogin aus München, blickt ebenfalls gerne auf die Zeit zurück, die sie nach der Geburt ihres Sohnes Elio hatte: „Da wir beide als Eltern sehr flexibel waren, konnte jeder von uns viel Zeit mit dem Kind verbringen. Erst als Elio 2,5 Jahre war, kam die erste Fremdbetreuung durch den Kindergarten dazu.“ Sie schränkt aber ein: „Organisation und Koordination blieben eine Herausforderung, da oftmals jede Woche anders war. Hinzu kam, dass für mich die Trennung von Familienzeit und Arbeitszeit in der Theorie zwar funktionierte, im Kopf aber schwierig war. In der Zeit, die ich mit Elio verbringe, schleichen sich immer wieder Gedanken an die Arbeit ein, und umgekehrt.“ Auch sie profitiert von mehr Erfahrung und meint: „Im Laufe der Zeit hat sich das verbessert, vermutlich auch, weil die kontinuierlichen Arbeitsphasen länger wurden.“

Blickt man auf die Antworten der Väter in unserer Umfrage, empfindet hier ein deutlich höherer Anteil Schwierigkeiten, Kinderbetreuung und Arbeitszeiten zu vereinbaren, trotz Freiberuflichkeit. Jürgen Kura, freiberuflicher Medienproducer und Journalist, ist Vorsitzender des Vereins Väter in Köln e.V.. Er sieht die Antworten dieser Väter in einem größeren sozialen Zusammenhang. Viele Väter seien in Berufen tätig, die tendenziell eine Präsenz beim Kunden erforderten, während sich Mütter auf flexiblere Home-Office-Jobs verlegten, solange die Kinder im gleichen Haushalt lebten. In Gesprächen mit anderen Vätern stellt er außerdem häufig fest, dass Väter sich schwerer mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun, weil für sie diese Herausforderung neu ist und ihre eigenen Vätern selten Vorbilder in dieser Hinsicht gewesen seien. Was Väter als „Schwierigkeiten” bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschreiben, könnte auch mit fehlender Routine in der Familienarbeit zu tun haben – Schwierigkeiten, die Generationen von Müttern als selbstverständlich hinnehmen mussten und leichter damit umzugehen wissen.

Hans-Georg Nelles, Organisationsberater und Autor zum Thema „Väter und Karriere“ sieht hier für freiberufliche Väter einen echten Vorsprung gegenüber Angestellten und Unternehmern: „Das positive an der Zeitsouveränität ist, dass Absprachen zur partnerschaftlichen Aufteilung der Betreuungs- und Familienaufgaben eine echte Chance haben zu gelingen.“

Unsere Themenwoche im Überblick:

Montag: Freiberufler-Eltern: Der Spagat zwischen Kindern und Kunden
Dienstag: Erfahrungen machen: Familien im Abenteuer Freiberuflichkeit
Mittwoch: Das ElterngeldPlus: Eine Starthilfe ins Elterndasein für Freiberufler
Donnerstag: Monatsmiete, Rücklagen und schlaflose Nächte: Finanztipps
Freitag: Mit Tablet am Kinderbett und Fußballfeld: Einblicke und Tipps

Daniel Wagner

Daniel Wagner

Daniel Wagner ist freiberuflicher Community Manager. Mit seinem Label Danny Woot hat er sich auf den Aufbau und die Betreuung von Online-Communities speziell in der Entertainment-Branche (Film, TV, Games) spezialisiert.

4 Kommentare:

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