„Die Lebensrealität der Selbständigen scheint nicht verstanden zu werden“ – Freelancer im Interview zu Selbständigkeit nach der Corona-Krise

Für ein Stimmungsbild zur Corona-Krise, aber auch einen Ausblick in die Zukunft der Selbstständigkeit hat freelance.de schriftliche Interviews mit zwei Freelancern geführt. Simon Diez ist Dolmetscher und Übersetzer, Heinrich Tenz arbeitet im IT-Bereich. Seine Antworten wurden teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Vorstandsmitgliedern des DBITs verfasst.

Hatte die Corona-Zeit auch positive Auswirkungen auf Ihre Arbeit? Wenn ja, welche?

Heinrich Tenz: Für mich und viele andere ist es Vollzeit Homeoffice. Das erspart mir Reisen an den Einsatzort. Ob das jedoch für alle ein Vorteil ist, bleibt zweifelhaft. Von Kollegen höre ich, dass sie sowohl zeitlich als auch vom Vertragsumfang her Einbußen haben hinnehmen müssen. Zudem kommt es zu Belastungen durch Homeschooling oder Betreuung der Kinder, was die fakturierbaren Zeiten reduziert (= Umsatz-Ausfall) und teilweise zu Zahlungsverzug (oder im schlimmsten Fall zu Zahlungsausfall) bei einzelnen Kunden führen kann.

Simon Diez: Es fällt mir eher schwer, der Corona-Krise positive Aspekte abzugewinnen (Auftragseinbrüche, Existenzsorgen, ungewisse Aussichten auf das Gesamtjahr, Soforthilfen kommen nicht an, da sie nur für Betriebskosten gelten, nicht für den Lebensunterhalt), aber Selbständige haben sich der neuen Situation sicher sehr schnell angepasst und verstärkt Unternehmergeist gezeigt. Sofern möglich, wurden Dienstleistungen zügig online angeboten – was nicht überrascht, denn unsere Branche ist nicht nur “homeofficeerprobt”, mobiles – und damit digitales – Arbeiten gehört schon seit Jahren zu unserem Geschäftsgebaren.

Welche Veränderungen beobachten Sie, was Prozesse angeht?

Heinrich Tenz: Es wird mehr über Online-Konferenzen abgewickelt. Absprachen gestalten sich teilweise umständlicher. Bei Kunden, die bereits vor der Krise eine offene Kommunikationskultur hatten, läuft es fast unverändert weiter. Bei Kunden, die von tradiertem Wissen und Zuruf leben, sind die Informationsflüsse gestört. Hier zahlt es sich aus, dokumentierte Prozesse implementiert zu haben und das über Jahre gewachsene Maß an Komplexität bereits vorzeitig reduziert zu haben.

Simon Diez: Es wird natürlich verstärkt auf Onlinedienste, Videokonferenzen etc. zurückgegriffen; Aufträge sind aber noch schlechter planbar als vorher.

Was erwarten Sie: Welche Veränderungen werden bleiben, sich vielleicht sogar verstärken? Was davon wäre gut, etwa auch zum Stichwort soziale Absicherung?

Heinrich Tenz: Die Akzeptanz für das Arbeiten von zuhause aus hat sich erhöht und wird so bleiben. Allerdings zeichnet sich teilweise schon ab, dass eine Rückkehr zu alten Vorgehensweisen angestrebt wird. Es ist schwer zu sagen, ob und wenn ja, welche Auswirkungen das auf die Diskussionen um die Alterssicherung haben wird. Ich glaube aber, die Diskussion wird sich verstärken, da einige Selbständige an die Substanz ihrer Alterssicherung gehen mussten. Der Zugang zu den Hilfen scheint oft zu bürokratisch verbaut gewesen zu sein.

Mittelfristig wird die Krise die „Spreu vom Weizen“ trennen. Strategisch planende, team-fokussierte, kommunikationsstarke Unternehmen, die bereits in der Krise flexibel reagieren können, werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Der „alte Schlag“ im Management hat ausgedient.

Simon Diez: Bleiben dürften vermehrt Videokonferenzen statt Dienstreisen; das, was online erledigt werden kann, dürfte im Onlinebereich bleiben. Für den Rest – siehe „Wünsche“ weiter unten.

Gibt es Stimmen aus Ihrem Arbeitsumfeld oder von Ihren Mitgliedern: Fühlen sich andere Freelancer in Ihrer Branche gerade wohl mit der Selbständigkeit (im Sinne von Unabhängigkeit von einem einzelnen Arbeitgeber) oder überwiegen eher Sorgen?

Heinrich Tenz: Die meisten IT-Freelancer, mit denen ich gesprochen habe, suchen sich Wege, wie sie ihre Selbständigkeit aufrechterhalten können. Angesichts der heraufziehenden Rezession kein Wunder. Viele Festangestellte werden ihren Job verlieren. Das wird auch Auswirkungen auf den IT-Freelancer-Markt haben. Die Konkurrenzsituation der IT-Freelancer untereinander könnte sich verstärken.

Das Umfeld der Selbstständigen in der IT ist vielfältig, genauso wie deren Kunden, daher ist in diesem Umfeld von zusätzlichem Auftragsvolumen (z.B. Digitalisierung zugunsten Homeoffice) über Stabilität (z.B. im IT-Operating) bis hin zu Auftragseinbruch (Projekt-Arbeit in unkritischen Bereichen, Kunden in stark betroffenen Branchen) alles anzutreffen.

Simon Diez: Sorgen gemischt mit Empörung, weil insbesondere Solo-Selbstständige schlechter behandelt werden als abhängig Beschäftigte (Stichwort Pauschale/Lebenshaltungskosten bei der Soforthilfe).

Freelancing 2022: Was wird sich geändert haben? Was würden Sie sich wünschen?

Heinrich Tenz: Von Seiten Staat und Gesellschaft erhoffe ich mir mehr Akzeptanz für selbstbestimmte Arbeit. Ein weitgehender Bürokratieabbau wäre wünschenswert. Beispielsweise muss das Verfahren zur Feststellung von Rentenversicherungspflicht oder Scheinselbständigkeit stark vereinfacht und transparenter werden. Der Fokus der Politik sollte sich weg von den internationalen Großkonzernen mehr auf kleine und mittelständische Unternehmen richten. Die stellen viel mehr Arbeitsplätze zur Verfügung (Beispiel Gastronomie > 1.000.000 – Autoindustrie > 800.000).

Es wäre wünschenswert, wenn das deutsche Steuersystem der modernen Arbeitswelt mit einem zunehmenden Anteil an Freelancern gerecht wird. So sollte es unbedingt einen Wechsel der Versteuerung von erwirtschaftetem Gewinn hin zu Gewinnentnahmen geben. DAS würde es einem Freelancer ermöglichen, Rücklagen für Krisenzeiten wie Corona zu bilden. Stattdessen muss ein Freelancer seine Einkommen-Steuern auf möglichen Gewinn im Voraus entrichten, während ein Arbeitnehmer seine Steuern auf Basis garantiert erhaltener Gehälter mit deren Auszahlung abführt, während der internationale Konzern seine Gewinne ins Ausland verlagert und sich somit seiner gesellschaftlichen Verantwortung entzieht.

Ich wünsche mir eine öffentliche Diskussion über Einkommensgerechtigkeit, Lebensstandard, soziale Absicherung und Vermögen sowie die Veränderung der Arbeitswelt, Globalisierung und Steuergerechtigkeit zwischen Konzernen, Mittelstand, Arbeitnehmern und Freelancern zugunsten einer gleichmäßigeren Lastverteilung.

Simon Diez: Meine Wünsche wären: Mehr Rechtssicherheit, weniger Bürokratie, vor allem mehr Akzeptanz für selbstständige Arbeit in Politik und Gesellschaft. Die Lebensrealität der Selbständigen scheint von Teilen der Politik nicht verstanden zu werden.

Heinrich Tenz berät als selbständiger Consultant  zu  ERP und SAP. Er ist  Mitglied im Vorstand des Deutschen Bundesverband Informationstechnologie für Selbstständige (DBITS e.V.)  

Simon Diez ist freiberuflicher Simultandolmetscher für Konferenzen, Fachübersetzer für Unternehmenskommunikation und Moderator von Veranstaltungen. Er ist Vizepräsident im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ).

Ein Kommentar:

  1. ja so ist das eben, auch mit 1,87 cm Größe bin ich ein kleiner Selbstständiger der nicht verstanden wird und immer schön abdrücken darf. Obwohl ich international schon tätig war und 24 Jahre Berufserfahrung mitbringe ist die Politik für uns nicht gemacht. Da war in England schon wesentlich besser in einigen Bereichen.

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