Gig-Working Economy: Vor Ort, remote und restlos glücklich?

Nicht nur in der Arbeitswelt verpassen digitale Disruptionen den klassischen (meist analogen) Modellen einen Denkzettel. Und auf diesem steht oft zu lesen: Achtung, atypische Arbeitsmodelle! Vermittlungsplattformen wie Uber, Deliveroo, Foodora, Lieferando oder auch Lyft haben es vorgemacht, zumindest in Sachen Mobilität und Mahlzeiten. Doch auch andere Formen des plattformvermittelten Arbeitens halten seit Längerem erfolgreich Einzug in die Welt der bezahlten Tätigkeiten. Fragt sich jedoch, wie man und wer in erster Linie Erfolg definiert.

Doch zunächst zu den Strukturen der Gig-Working Economy – oder besser gesagt – zu den Trennlinien, die auch die Gig-Economy zwischen Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländern noch nicht zu überwinden vermag. Dazu liefern aktuelle Untersuchungen und umfangreiche Studien detaillierte Einsichten.

Prekariat, plattformvermittelt

Bereits 2017 widmete sich das Oxford Internet Institute der University of Oxford den Arbeitsumständen beim Gig-Working mit besonderem Fokus auf Länder wie Kenia, Nigeria, Südafrika, Vietnam, Malaysia und den Philippinen (hier als PDF). Tatsächlich, so die Forscher, setzen Politiker*innen weltweit zurecht auf plattformvermittelte Jobs, gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Denn laut Einschätzungen des United Nations Development Program (UNDP) werden bis zum nächsten Jahr rund 1 Milliarde Menschen vorwiegend aus Niedriglohnländern den lokalen und globalen Arbeitsmarkt betreten.

Gerade für sie stellt das Gig-Working die Chance auf höhere Einkommen und auf mehr Autonomie beim Arbeiten bzw. vom lokalen und oft mit wenig Jobs ausgestatteten Arbeitsmarkt dar. Andererseits, so die Wissenschaftler*innen, bergen Gig-Working Plattformen eben auch Risiken. So gaben 74 Prozent der vom Oxford Internet Institute Befragten an, kaum oder nie mit ihren Online-Auftraggebern zu kommunizieren.  Mehr als die Hälfte sagte, dass sie eine sehr hohe Arbeitsgeschwindigkeit abrufen müssen. Mit 32 Prozent ist es gut ein Drittel der Befragten, das angab, nicht zu wissen, ob es Einkommenssteuer abführt. Für 34 Prozent schließlich bestand in Sachen Abgaben kein Zweifel, denn sie führen diese einfach nicht ab.

Diese und weitere Erkenntnisse der Oxford-Studie zeigen (nicht nur für Entwicklungs- und Schwellenländer): Die Work-Life-Balance ist gerade beim Gig-Working von zu Hause aus besonders anfällig für sensible Störungen, gerade auch, weil Auftraggeber und Auftragnehmer in der Gig-Economy weltweit und damit über sämtliche Zeitzonen hinweg miteinander arbeiten.

Zudem mögen die Arbeiter*innen zwar von einem Zugriff auf global ausgeschriebene Jobs und damit von mehr Möglichkeiten des Geldverdienens profitieren. Doch andererseits sind sie nicht selten isoliert, ihre Jobs von Kontaktarmut geprägt und sie genießen nicht dieselben Rechte von klassischen Angestellten. Will heißen: Wer alleine und autonom arbeitet, ist seltener in Sachen Schutz und Rechte organisiert und somit noch verletzlicher, was die Ausbeutung durch (diffuse) Auftraggeber betrifft.

Gig-Working, ein (Arbeit)-Geben und Nehmen

Wieder andere Untersuchungen fokussieren sich beim länderübergreifenden Gig-Economy-Markt auf das Verhältnis zwischen den Ursprungsländern der Auftraggeber und auf jener der Auftragnehmer. Mit Hinblick auf diese Relation wird schnell klar, wo das größte Auftragsvolumen seinen Ursprung hat und in welchen Ländern die meisten Gig-Working-Auftragnehmer sitzen. Die Vereinigten Staaten stellen mit 44 Prozent das Gros der Nachfrage nach Gig-Workern, vornehmlich im Bereich der Softwareentwicklung- und -technik wie auch der Kreativ- und Multimediaberufe. Mit insgesamt 23 Prozent folgt mit großem Abstand Europa. Hier hat Großbritannien mit 8 Prozent Gig-Working-Auftraggebern die Nase klar vor Deutschland (2,5 Prozent). Trotz des Übergewichts der Industrienationen stellt Indien als Emerging Economy immerhin 5 Prozent  der Auftraggeber.

Gig-Working Marktanteile der Auftraggeberländer
Quelle: Institut für Arbeits- und Berufsforschung IAB

Weniger homogen zeigt sich hingegen der Markt der Länder mit den meisten Auftragnehmern. Hier nämlich dominiert Indien mit über einem Viertel der Gig-Worker. Aus Bangladesch stammen mit 21 Prozent knapp über ein Fünftel der Auftragnehmer der Gig-Economy.

Gig-Working Marktanteile der größten Auftragnehmerländer
Quelle: Institut für Arbeits- und Berufsforschung IAB

Deutschland liegt mit unter 2 Prozent auf Platz 11. Ebenso wie bei den Aufraggebern sind Softwareentwicklung- und -technik wie auch die Kreativ- und Multimediaberufe auch in Sachen Auftragnehmer der Gig-Economy die Bereiche mit der größten Nachfrage. Hinzu jedoch kommt hier nun auch der Support bei Sales und Marketing.

Sortiert nach Arten der Tätigkeiten und Fachgebieten der Online-Worker, setzen die USA ihr ganzes demografisches, technisches und wirtschaftliches Gewicht in die Waagschale. Gig-Arbeiter aus den Vereinigten Staaten dominieren nicht nur den Bereich der Softwareentwicklung- und -technik (über 15 Prozent) wie ebenso den der Kreativ- und Multimediaberufe (über 10 Prozent), sondern im Grunde genommen alle Gig-Economy-Arbeitsfelder. Europa hingegen findet sich in allen Bereichen weit abgeschlagen auf Platz 2. Danach setzen sich starke, den gesamten Erdball betreffende, Fragmentierungen durch.

Gig-Working Marktanteile nach Tätigkeitsarten
Quelle: Institut für Arbeits- und Berufsforschung IAB

Für mich als leidenschaftlichen und Gig-gewohnten freiberuflichen Autor, Blogger, Redakteur, Texter und Übersetzer ist schließlich die nächste Grafik interessant, wenn auch interpretationstechnisch zwiespältig, da ich als Italo-Deutscher irgendwo zwischen Platz 10 und 13 pendle.

Unabhängig von meinem persönlichen physischen Status (quo) als kreativer Wortfinder, sollte die Verteilung der Gig-Übersetzer und Schreiber nicht täuschen. Denn auch wenn weniger Auftragnehmer aus Italien oder Deutschland stammen, können sie dennoch wesentlich höhere Honorare verlangen und auch bekommen als Kolleg*innen aus einkommensschwächeren Ländern. Das, so die Studie, kann das Resultat von mehr Spezialkenntnissen der Wortarbeiter aus den Industrienationen sein ebenso wie sie auch eher auf den lokalen physischen Arbeitsmarkt ausweichen können, dort ebenso gute Preise erzielen und insofern “bezüglich der Projekte, die sie online akquirieren, wählerischer sein können.”

Gig-Working Marktanteile
Quelle: Institut für Arbeits- und Berufsforschung IAB

Am Ende noch Disruption

Das Beratungsunternehmen Mercer gibt in seiner Studie “Global Talent Trends 2019” tatsächlich starke Hinweise darauf, wie das Gig-Working in allen seiner Erscheinungsformen die Arbeitswelt von morgen und übermorgen prägen könnte. 79 Prozent der über 7.300 von Mercer Befragten Führungskräfte sagen voraus, dass vorübergehend Beschäftigte und Freiberufler traditionell Vollzeitbeschäftigte weitgehend ersetzen werden, zumindest im Laufe der nächsten Jahre. Das vor allem aufgrund der sich schnell ändernden Ansprüche an Arbeitsabläufe, die an und für sich immer agiler, digitaler, komplexer, automatisierter und von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Und mit sich radikal ändernden Arbeitsabläufe, so Mercer, ändern sich auch die Anforderungen an jene, die sie machen.

Auch wenn dieses Szenario womöglich noch zu gewagt und dystopisch klingen mag, sollte man nicht vergessen, dass bereits heute über eine Million Menschen in der EU die Gig-Economy als ihre Haupteinnahmequelle angeben. Insgesamt wuchs der plattformbasierte Arbeitsmarkt innerhalb der letzten zwei Jahre um ein Viertel.

Mit steigendem Erfolg der Gig-Economy werfen aber auch mehr und mehr potentielle Gig-Worker ihren Hut in den Ring. Steigt dabei nicht gleichzeitig die Anzahl der Aufträge, droht die Gefahr eines Preis-Dumpings. Auf der anderen Seite ist es natürlich Ausdruck größter Freiheit, seine Tätigkeiten quasi im Stock-Picking-Verfahren aus unterschiedlichen Plattformen auswählen und ihnen bei Zuschlag überall und unabhängig von Zeitzonen nachkommen zu können.

Dennoch sind Gig-Worker in der Regel Einzelkämpfer*innen. Und das macht sie letztlich auch angreifbarer, wenn es um den Kampf für mehr Sicherheit, faire Preise und transparenten Wettbewerb geht.

Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca ist freiberuflicher Autor, Blogger und Redakteur. Sein ausführliches Profil finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.