Was macht eigentlich eine freiberufliche Sound Designerin?

In unserer Serie “Was macht eigentlich…?” werfen wir einen Blick auf die beruflichen Tätigkeiten von Freiberuflern, die auf Freelance.de Mitglied sind. Diesmal haben wir uns mit der Sound Designerin Stefanie Steinbichl unterhalten, die uns einige sehr interessante Einblicke in ihre tägliche Arbeit gibt.

Freelance.de: Frau Steinbichl, was sind die wichtigsten beruflichen Aufgaben einer Sound Designerin?

Steinbichl: Eine Sound Designerin arbeitet kreativ mit akustischem Material und ist generell für die auditive Gestaltung eines Produkts oder Werks zuständig. Dieses Produkt oder Werk kann beispielsweise ein Film, eine Website, ein Videospiel, eine Museumsinstallation, ferner – im Falle des industriellen Sound Designs – ein Auto oder Staubsauger sein.

Genauso wie ein Grafik Designer das Logo bzw. das Corporate Design auf visueller Ebene entwirft, verleiht die Sound Designerin dem Produkt die gewünschte Klanglichkeit bzw. akustische Identität. Sie wägt ab, was erklingt und vor allem wie es klingt, das heißt, sie wählt gezielt aus, welche Geräusche, Klänge, Atmosphären oder Soundeffekte zu hören sein sollen – diese können für diesen Zweck eigens aufgenommen worden sein oder aus einem Soundarchiv stammen – und gestaltet bzw. arrangiert diese im Hinblick auf dramaturgische bzw. marketingspezifische Vorgaben zumeist mit dem Ziel einer Emotionalisierung des Produkts.

Diese Emotionalisierung kann aufgrund des psychoakustischen Wirkungspotentials sowie des hohen Assoziationsgehalts von Klängen und Geräuschen vor allem über die auditive Ebene erreicht und bis zu einem gewissen Grade auch gesteuert werden. Dafür müssen alle Komponenten der auditiven Ebene synergistisch ineinandergreifen, die Grenze zwischen Sound Design und Musik ist dabei oft fließend. Eine stete und gute Zusammenarbeit der Sound Designerin mit dem Komponisten sowie allen anderen am Projekt beteiligten Personen, wie zum Beispiel dem Regisseur, Kreativdirektor oder Produktmanager, ist daher Voraussetzung.

Für welche Unternehmen oder Projekte ist die Arbeit einer Sound Designerin relevant?

Die Einsatzgebiete eine Sound Designerin sind vielfältig. Am populärsten ist sicherlich der Bereich der audiovisuellen Medien, also der Filmproduktion – egal ob szenisch, dokumentarisch oder animiert – für Kino und TV sowie der Computerspiel-Industrie. Hier arbeitet die Sound Designerin der visuellen Ebene zu und hat die Aufgabe, im Rahmen eines weit angelegten dramaturgischen Bogens die Aktionen und Szenerien auf dem Bildschirm bzw. der Leinwand akustisch zum Leben zu erwecken sowie dem Rezipienten das bildlich nur schwer darzustellende Gefühlsleben der abgebildeten Figuren wirkungsvoll zu vermitteln – mit dem Ziel, ein mitreissendes Film- bzw. Spielerlebnis zu schaffen.

Natürlich zählen auch die rein auditiven Medien wie Radio oder Hörspiel zu den Arbeitsfeldern einer Sound Designerin. Während das Sound Design beim Hörspiel ähnlich wie beim Film einer fortlaufenden Dramaturgie folgt, geht es beim Radio vor allem um die Produktion von Jingles oder Soundelementen für bestimmte Sendungen, also kurz angelegten, in sich abgeschlossenen akustischen Erkennungsmerkmalen, die den Charakter des Radio-Senders – zum Beispiel als seriöse und informative oder junge und peppige Station – unterstreichen sollen.

Ähnlich funktioniert das Sound Design in der Werbebranche. Die Vertonung von Werbespots, Imagefilmen oder die Gestaltung von Sound-Logos stehen ganz im Zeichen des beworbenen Produkts bzw. Unternehmens, weshalb man in diesem Bereich auch von “Audio Branding” im Sinne einer akustischen Kennzeichnung der Marke spricht. Die Assoziationen, die durch die auditive Gestaltung vermittelt werden sollen, müssen daher mit der Corporate Identity
des Unternehmens übereinstimmen. Manche Unternehmen erstellen zu diesem Zweck eigene Geräuscharchive mit produktbezogenen Sounds, bei denen sich die Sound Designer für die Vertonung von Werbefilmen bedienen sollen. So wird eine ganz eigene Klangwelt geschaffen.

Die Corporate Identity spielt auch im bereits erwähnten industriellen Sound Design eine wichtige Rolle. Im Unterschied zur medialen Ebene werden hier jedoch im Zuge mechanischer bzw. baulicher Maßnahmen spezifische Sounds am Produkt selbst entwickelt und gestaltet, wie zum Beispiel das Geräusch eines Motors oder das Klacken einer Autotüre beim Öffnen und Schließen. Die Beschaffenheit dieser Geräusche wird zumeist mit der Wertigkeit des Produkts – in diesem Fall des Autos – gleichgesetzt und spielt eine wichtige Rolle für die Emotionalisierung der Marke.

Nicht zuletzt kann Sound Design auch im Bereich der Kunst, zum Beispiel als Klanginstallation, zum Einsatz kommen. Hier hat es im Gegensatz zu den oben genannten Anwendungsgebieten keinen funktionalen Charakter mehr, sondern existiert um seiner selbst Willen, es ist also autonom.

Was waren bisher die spannendsten Projekte, bei denen Sie mitgewirkt haben?

Eines der spannendsten und ambitioniertesten Projekte, bei denen ich bisher am Filmset und als Sound Designerin mitgewirkt habe, war die Produktion von “A.D.235 – Schatten über dem Limes”, einem 85-minütigen Dokudrama über die Auseinandersetzungen zwischen Römer und Germanen im 3. Jahrhundert n. Chr., das an der Hochschule der Medien in Stuttgart in Kooperation mit der Stadt Schwäbisch Gmünd im letzten Jahr entstanden ist. Die Herausforderung bei diesem Projekt war vor allem, eine historisch korrekte, altertümliche Soundkulisse zu erschaffen, frei von jeglichem omnipräsenten Brummen oder Rauschen unserer modernen Industriegesellschaft.

Leider befanden sich viele Drehorte in der Nähe von Flughäfen oder Autobahnen, was eine intensive Sound-Postproduktion erforderte. Die Atmos für die jeweiligen Szenerien wurden im Tonstudio von Grund auf neu gestaltet und der Großteil der Dialogpassagen nachsynchronisiert, um der Vorgabe eines vom Industrielärm bereinigten Tons gerecht zu werden. Ebenso sollten durch so genannte Foley-Aufnahmen mit entsprechenden Materialien quasi ausgestorbene, für die damalige Zeit aber typische Geräusche und Klänge, wie beispielsweise der metallische Sound der Rüstungen und Kettenhemden, wieder zum Leben erweckt werden. Filmausschnitt und Trailer sind auf meiner Homepage zu sehen.

Was interessiert Sie ganz besonders an Sound und der akustischen Wahrnehmung?

In Bezug auf das Medium Film fasziniert mich vor allem die suggestive Macht der Klänge, einer Szene eine ganz bestimmte emotionale Färbung zu verleihen und die vielfältigen Möglichkeiten, die sich daraus für die auditive Gestaltung ergeben. Stellen Sie sich zum Beispiel eine inhaltlich neutrale Filmszene von einer Autofahrt vor. Je nachdem wie Sound Design und Musik gestaltet sind, kann diese den gemütlichen Sonntagsausflug oder die nervenaufreibende Verfolgungsjagd implizieren. Schon Details können den Unterschied ausmachen. Faszinierend finde ich auch, wie man sich in der Klangwelt eines Films immer wieder verlieren kann, wie in einer Art Traum.

In unserem Kulturkreis gibt es den Spruch: “Das glaube ich erst wenn ich es mit eigenen Augen sehe.” Wir scheinen uns vor allem mit den Augen vergewissern zu wollen, nicht aber mit den Ohren. Wie empfinden Sie das Verhältnis zwischen Sehen und Hören in unserer Kultur?

Wir leben meiner Meinung nach in einer stark visuell geprägten Gesellschaft, zumindest was den Bereich unserer bewussten Entscheidungen angeht. Hier vertrauen wir auf unsere Augen, wir akzeptieren das Gesehene als die Wahrheit. Unser Hörsinn hat allerdings nicht weniger Einfluss auf unsere Entscheidungen, nur sind wir uns dessen heutzutage nicht oder nur selten bewusst. So fördert beispielsweise die sogenannte Muzak, eine an den Biorhythmus angepasste Hintergrundmusik in Supermärkten und Kaufhäusern, unterschwellig unsere Konsumbereitschaft und animiert uns zum Geld ausgeben – ohne, dass wir viel davon mitbekommen.

Und um wieder auf den Film zurückzukommen: auch hier spricht man davon, einen Film zu sehen, nicht, ihn zu hören. Dabei macht der Ton doch 50% des Filmerlebnisses aus, nur sind wir uns dessen eben nicht bewusst. Wie im wahren Leben achten wir bei der Filmrezeption vor allem auf die visuellen Elemente – abgesehen vom Dialog.

Musik wie auch Sound Design entgehen aufgrund der schieren Menge an audiovisuellen Reizen der bewussten Aufmerksamkeit und werden unterschwellig wahrgenommen. Sie beeinflussen die Wirkung der Bilder daher oft unbemerkt. Die Zuschauer reflektieren meist nicht, warum sie die jeweilige Szene nun besonders traurig oder spannend empfanden bzw. begründen dies meist nur mit den Bildern oder der Dramatik der Handlung. Damit diese aber erst spannend wird, ist die auditive Ebene unverzichtbar. Oder haben Sie schon einmal einen Film ohne Ton gesehen? Ziemlich langweilig. Aber eben aus diesem Grund fehlt uns das Bewusstsein, welch wichtige Rolle die auditive Ebene im Film wie auch im richtigen Leben spielt. Vielleicht sollten wir wieder genauer hinhören.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, Sie haben eine Masterarbeit zum Thema “Die Klanglichkeit des Sterbens” geschrieben. Worum ging es dabei genau und zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Die grundlegende Idee meiner Masterarbeit war es, sich auffällig oft wiederholende Muster im filmischen Sound Design – also bestimmte Symbole, Stereotypen und Klischees – aufzuspüren, die Ursachen ihrer wiederkehrenden Verwendung zu klären sowie ihre Wirkung auf die Erwartungshaltung des Zuschauers zu untersuchen. Um einen konkreten Bezugspunkt zu haben, habe ich die Untersuchung an einem zentralen dramaturgischen Element festgemacht, ohne welches kaum ein Drehbuch auskommt: dem Filmtod.

Ziel der Untersuchung war zunächst herauszufinden, ob und mit welchen Stereotypen und Symbolen der Tod im Film in seinen unterschiedlichen Ausprägungen – von Mord und Selbstmord über Krankheits-, Unfall- und Kriegstod bis hin zu übernatürlichen Nahtoderlebnissen klanglich transportiert wird. Dabei ging es mir vor allem um Klänge und Geräusche, die nicht nur als bloße Bestätigung visueller Vorgänge fungieren, sondern darüber hinaus auch als weiterführende Zeichen und Bedeutungsvermittler zu betrachten sind.

Als Basis für diesen Teil der Untersuchung diente eine inhaltsbezogene Anwendungsanalyse klanglicher Todessymbole und –stereotypen anhand ausgewählter Filmszenen von 22 Spielfilmen diverser Genres und Produktionsjahre. Bei dieser Analyse wurde deutlich, wie sehr sich gewisse Klangsymbole und –stereotypen im Kontext des Filmtodes etabliert haben – wie beispielsweise der Glockenschlag oder das Krächzen des Rabens, beides stark symbolbehaftete Klänge, die im Großteil der anayliserten Filme vor allem als Vorbote für den Tod verwendet werden.

Ebenso wird das Sterben im Film unter anderem aber auch vermehrt durch abstrakte, tieffrequente Klänge transportiert, welche damit als Sound-Design-Stereotyp gelten können. Anschließend wurde anhand eines Hörversuchs mit einer entsprechend präparierten Filmszene empirisch ermittelt, inwiefern die Verwendung klanglicher Symbole und Stereotypen Einfluss auf die Erwartungshaltung des Rezipienten an den Fortgang der Filmhandlung nimmt, insbesondere darauf, ob der Tod einer Filmfigur eher erwartet wird, wenn zuvor im Sound Design entprechende Symbole verwendet wurden. Es zeigte sich, dass dies sehr wohl der Fall ist, insbesondere bei der Verwendung mehrerer mit dem Tod assoziierter Klänge. Die komplette Masterarbeit ist auf der Website der Hochschule als PDF verfügbar.

Was, würden Sie sagen, macht eine Sound Designerin zu einer guten Sound Designerin? Welche Qualifikationen muss jemand unbedingt mitbringen, der wie Sie diesen Weg einschlagen möchte?

Ich stehe ja auch erst am Anfang und habe sicher noch einiges zu lernen. Meiner bisherigen Erfahrung nach würde ich aber folgende Qualifikationen für einen Film-Sound-Designer voraussetzen:

  • ein gutes und geübtes Gehör sowie Freude an der kreativen Arbeit mit Klängen
  • Experimentier- und Kombinationslust sowie Liebe fürs Detail
  • dramaturgisches Gespür
  • ein musikalisches Verständnis, am besten auch Kompositionserfahrung
  • Kompetenz im Bereich der Tontechnik und Akustik sowie Erfahrung mit der gängigen Audio Software
  • Verständnis für den Workflow der Filmproduktion und -postprodution, Set-Ton-Erfahrung
  • optimalerweise Kenntnisse im Bereich der Wahrnehmungspsychologie

Wie wird sich Ihre Branche innerhalb der nächsten 10 oder 20 Jahre verändern? Gibt es da gewisse Trends, die sich schon jetzt abzeichnen?

Eine sehr interessante und vielleicht richtungsweisende Entwicklung sehe ich beim 3D-Audio auf Basis der so genannten Wellenfeldsynthese. Hier geht es um die Schaffung eines räumlichen Höreindrucks gemäß des realen Schallfeldes, wobei auf die Phantomschallquellen wie sie bei der kanalorientierten Audiowiedergabe üblich ist, verzichtet wird. Dieses Verfahren könnte in Zukunft auch die Beschallung des Kinosaals revolutionieren und dem Sound Design ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.

Link: Freelance.de Profil von Stefanie Steinbichl

Bilder: Stefanie Steinbichl

Daniel Wagner

Daniel Wagner

Daniel Wagner ist freiberuflicher Community Manager. Mit seinem Label Danny Woot hat er sich auf den Aufbau und die Betreuung von Online-Communities speziell in der Entertainment-Branche (Film, TV, Games) spezialisiert.

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